ORTLOS. ZEITLOS.

Über Bilder von GREGOR TRAVERSA

Wer in Gregor Traversas Bilder eintritt, tritt aus der Zeit heraus. Oder, besser gesagt, er verlässt Zeit als Punkt – „jetzt“, „damals“, „dann“ – und taucht in Zeit als ein Kontinuum ein.
„ Fortwährend“ hat der Künstler eine seiner Arbeiten überschrieben, eine Mischtechnik aus dem Jahr 1998, die nicht nur im genannten Titel die Vorstellung von Zeit als zeitlos anspricht.

„Fortwährend“, ein Blatt in Traversas Lieblingsfarbe Blau zeigt - ja, was eigentlich ? Ein Plateau, auf dem Zeit – Raum - Fahrer die Landung wagen können ? Einen Weg, der auf keiner Landkarte eingezeichnet ist und also zu einem fraglichen Ziel führt ? Eine Unterwasserlandschaft, vielleicht ein Rest jenes versunkenen Atlantis, das in Gregor Traversas Arbeiten immer wieder auftaucht. Das manchmal wie Rom aussieht, manchmal wie das alte Ägypten. Das Erinnerungen an die Renaissance ebenso wachruft wie an eine Zukunft, die allerdings bereits Spuren des Verfalls trägt. Dieses Gestern verschmilzt in Traversas Bildern mit einem Heute und einem Morgen zu jener untrennbaren Einheit, die sie wohl tatsächlich auch sind.

Man sieht: der Schritt, zu dem „Fortwährend“ einlädt, ist ein Schritt in die Unendlichkeit der Zeit, die auch eine Unendlichkeit des Raums ist. Der Fortschritt von Zeit wird nicht als Spiralbewegung sichtbar, sondern als Kreislauf in einer Ebene. Was sich abbildet, ist die ewige Wiederkunft des Ähnlichen. Sie ließe sich als Resignation interpretieren, aber auch als Aufruf zur permanenten Anstrengung, aus Ruinen neues Leben zu schöpfen. Hegels Idee vom Ende der Geschichte stellen diese Bilder in Frage, weil sie historische Entwicklungen, die der deutsche Philosoph als zielgerecht fortschrittlich denkt, in ihrem steten Scheitern beschreiben. Traversas Befund ist, dass jedem Goldenen Zeitalter der Rückfall in die Barbarei folgt. Jedem glanzvollen Aufbau die totale Zerstörung. Jedem Leben der Tod.
Aber eben auch: jedem Tod neues Leben.

Bildtitel wie „ Dead End“ und „Verfall und Auflösung“ brauchen Gegenstücke wie „Neuer Beginn“ und „Stille Entwicklung“. Traversas Bilder führen zwar nach „Dunkelland“, aber sie verurteilen den Betrachter nicht dazu, dort bleiben zu müssen. Sie bieten immer wieder einen „Durchgang“, verkünden „Aufbruch“. Sie beschreiben eine „Vorübergehende Stillegung“, aber immer wieder - „Wie ein Vorhang“ - geben sie den „Lichtblick“ frei auf „Nebensonnen“.

Gregor Traversa ist niemand, der über die Vergänglichkeit des Menschen und seiner Schöpfungen mit flockigen Formen und freundlichen Farben hinwegtäuschen will. Einzelne Bilder mögen gar den Eindruck erwecken, der Künstler liebe vor allem die Abgründe und generiere aus ihnen eine morbide Lust. „Gedächtnis-Bilder“ einer misslungenen Menschheits-geschichte“ hat der Künstler zum eigenen Werk notiert. Und: „Kein Weg führt weiter. Kein Weg zurück“. Düstere Notizen, scheinbar Worte der Hoffnungslosigkeit. Aber die Summe des Oevres bringt Verhältnisse ins Lot. Das Gesamtpanorama von Traversas Grafik und Malerei zeigt einen beharrlichen Glauben an die kreative Kraft des Menschen, der nicht zuletzt auch der Glaube an sich selbst ist.

Diese Beharrlichkeit bildet sich in Gregor Traversas Bildern unmittelbar ab. Man sieht ihnen in jeder Technik an, dass neben der künstlerischen Vision und der handwerklichen Perfektion der Faktor Zeit keine Rolle spielt- : sie ist ein ganz selbstverständliches Mittel der Realisierung. Dessen Investition sich lohnt. Traversas Entwürfe zeit- und ortloser Landschaften, seine Ansichten von gewachsener und gebauter Umwelt, seine Symbiosen von Natur und Kultur ( eine Verschmelzung von Organischem und Anorganischem, die sich in einem Blatt wie „Denkmal für den Wald“ ikonenartig manifestiert ) - sie alle faszinieren auch durch ihre fast greifbare Aura des langsamen Wachstums. Man spürt förmlich jene Dichte, die erst ein entschleunigter Arbeitsprozess zustande bringt.

Wer in Gregor Traversas Bilder eintritt, findet sich in einer Welt wieder, die in ihrer Vielschichtigkeit und Tiefe eine Unzahl an Interpretationen möglich macht. Es ist ein komplexes Universum, das sich Mosaikstein für Mosaikstein aufbaut. Und das in den Bildern, die im Betrachter entstehen, noch komplexer wird. Die Wirklichkeit hinter den Bildern ist es, die Traversas Bilder von Anfang an spannend gemacht hat. Die wiedererkennbaren Details „wirklicher“ Wirklichkeit - die Zitate aus diversen Weltkulturen etwa - sind niemals dokumentarische Elemente, sondern immer Zeichen. Zeichen, die sich für jeden Betrachter
( aber vermutlich auch für den in seinen Erkenntnissen nicht stagnierenden Künstler ) zu immer neuen Ganzheiten verbinden. Im besten Fall zu Einheiten, in denen sich - und sei es nur für einen kurzen Augenblick - so etwas wie „Wahrheit“ realisiert. Der erhellende Blitzschlag der Übereinstimmung von Anspruch und Existenz.

Kurzum: Gregor Traversa geht es nicht um pittoreske Erinnerungen an Reisen ( die er wohl unternimmt ), es geht ihm stets um die eine Reise: die Reise in den Mittelpunkt des Seins.

Walter Titz